Vermischtes
Newsroom – Markus Wiegand

Kritische Fragen zu Ronzheimer und Döpfner: Axel Springer wollte sie streichen

Kritische Fragen zu Ronzheimer und Döpfner: Axel Springer wollte sie streichen Marion Horn (Foto: Bild)

„kress pro“-Chefredakteur Markus Wiegand berichtet über einen ungewöhnlichen Eingriff in ein Interview mit Marion Horn. Und erklärt zudem, wie die Recherchen über die „Zeit“ verliefen.

Berlin – Axel Springer wollte bei einem Interview mit „Bild“-Chefin Marion Horn kritische Fragen streichen. „kress pro“-Chefredakteur Markus Wiegand widersprach – mit Erfolg. In seinem Editorial schildert er den Vorgang und berichtet über die Recherchen zur Zusammenlegung der Print- und Onlineredaktionen der „Zeit“:

 

Heute machen wir es mal wie in der Apotheke. Ich gebe Ihnen zu den beiden wichtigsten Geschichten dieses Hefts einfach einen Beipackzettel, damit Sie die Beiträge besser einordnen können.

 

Was Sie zum „Bild“-Interview wissen müssen

Vor einigen Monaten fragte uns Axel Springer, ob wir Interesse an einem Interview mit „Bild“-Chefin Marion Horn hätten. Natürlich. Schließlich führt sie die größte Medienmarke in Deutschland. Außerdem hatte ich sie schon einmal auf einem Kongress interviewt und fand, dass Horn wirklich kein Blatt vor den Mund nimmt. Im Gespräch, das wir per Teams führten, lieferte sie dann auch ein Feuerwerk an zitierfähigen Antworten, die wir brav zur Autorisierung vorlegten.

 

Dann passierte etwas, das ich in 20 Jahren Medienjournalismus so noch nicht erlebt habe.

Das Gespräch kam zurück und Marion Horn und Axel Springer hatten nur einige wenige Passagen verändert, ohne den Charakter des Gesprächs zu zerstören. Geschenkt. Wenn man aus einem 140.000-Zeichen-Transkript 20.000 Zeichen destilliert, finde ich so etwas okay. Ganz und gar nicht okay war aber die Ansage des Pressesprechers in der E-Mail mit dem autorisierten Text: „Im letzten Teil zur Kultur haben wir allerdings zwei Fragen mit der Hoffnung auf Ihr Verständnis gestrichen.“

 

Ich sag’s mal so: Diese Hoffnung war unbegründet. In einer Frage ging es um Kritik an Paul Ronzheimers Rolle in der Causa Reichelt. Zudem fehlte eine Anmerkung am Schluss des Interviews, die eine Kritik an Döpfners Millionen-Boni enthielt.

 

Ich teilte per Mail und telefonisch mit, dass ich selbstverständlich nicht akzeptiere, dass Fragen oder Aussagen von mir gestrichen werden, die so gefallen sind. Ich find’s ehrlich gesagt eine Zumutung, dass man einem Medienhaus, das nach globaler Bedeutung strebt, die Grundrechenarten des Journalismus erklären muss.

 

Immerhin lenkte Axel Springer dann nach einem Wochenende Bedenkzeit schnell ein und änderte auch an den Aussagen Horns nichts mehr, die sie im Gespräch erwidert hatte. Ich fand ihre Antworten eigentlich ganz lustig. Horn denkt, dass ich von Paul Ronzheimer und Mathias Döpfner „besessen“ bin. Ich würde da nicht widersprechen.

 

Nicht besessen bin ich übrigens von Johannes Boie. Deshalb habe ich in der Endfassung auf eine Frage zu Horns Vorgänger verzichtet. Offenbar gibt es eine dieser üblichen juristischen Abgangsvereinbarungen, die jede Äußerung untersagen.

 

Was Sie zur „Zeit“-Recherche wissen müssen

Verschiedene Quellen hatten uns darüber informiert, dass die Fusion von Print und Online nicht reibungsfrei läuft, um es mal zurückhaltend zu formulieren. Also suchten wir in Hintergrundgesprächen den Kontakt zum Haus.

 

Es ist immer spannend zu sehen, wie sich Journalistinnen und Journalisten verhalten, wenn sie selbst im Zentrum der Berichterstattung stehen. Dabei gibt es oft ein großes Missverständnis. Viele glauben, dass es grundsätzlich illoyal sei, mit anderen Journalisten zu sprechen. Ich kann dazu nur sagen: Gerade wenn Menschen eine Loyalität zum eigenen Medienhaus verspüren, sollten sie reden. Sonst besteht immer die Gefahr, dass eine Kritik übertrieben wird, weil nur die Unzufriedenen gesprächsbereit sind.

 

Bei der „Zeit“ war das übrigens anders. Dort arbeiten Profis. Deswegen konnten wir gleich mit einer ganzen Reihe von Leuten ins Gespräch kommen, darunter viele Führungskräfte. Ich würde das Ergebnis mal so zusammenfassen: Selbst die Sonne hat Flecken.

 

Die Themen der aktuellen Ausgabe von „kress pro“

  • Schluss mit Geisterartikeln: Wie die „Augsburger Allgemeine“ mit Themenmanagern und neuen Ressorts digital wachsen will.

  • 25 Young Leaders des Jahres: Diese jungen Führungskräfte hat „kress pro“ ausgewählt.

  • Kulturkampf bei der „Zeit“: Warum die Chefredakteure Giovanni di Lorenzo und Jochen Wegner bei der Fusion von Print und Online in der Kritik stehen.

  • Nico Hofmann: Was der Filmproduzent Medienhäusern rät und was für ihn gute Führung ausmacht.

  • Marion Horn: Wie die „Bild“-Chefin ihre Redaktion für mehr Reichweite und Digitalabos umbaut.

  • Karriere: Die Kolumne von Coach Attila Albert.

  • Young Leaders: Maximilian Kleinsorg, Head of AI & System Integration bei Falkemedia.

  • Vermarktung: Die Kolumne von Berater Ulf Heyden.

  • Trends: Die Kolumne von Innovationsjournalistin Ulrike Langer.

  • Tech: Simon Hefke über höhere Erlöse durch Programmatic Advertising.

  • Studien: Warum KI-Tools trotz Skepsis den Alltag erobern.

  • Tools: Ein Baukasten für KI bei Medien.

  • Schluss: Ralf Geisenhanslüke, Gesellschafter bei XI-Consulting.

     

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