Vermischtes
KNA – Jan Freitag

Das ZDF im doppelt kommunikativen Chaos

Eine alltagsrassistische Bemerkung im „Fernsehgarten“ und eine Ausladung aus der „Anstalt“ lassen das ZDF alt aussehen. Medienethisch lässt sich aus dem selbstverschuldeten Unglück viel lernen – vor allem mehr Mut zu Fehlerkultur.

Hamburg (KNA) – Wir sind gerade allesamt angespannt, fiebrig, nervös. Selbst der gelassene Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen attestiert unserer Gesellschaft in seinem Bestseller „Die große Gereiztheit“ eine „kollektive Erregungsdynamik“ und spricht von „Empörungsdemokratie“. Und schuld daran sind – klar – die Sozialen Medien. Meistens jedenfalls. Mitunter nämlich erregen auch die Reize seriöser Medien mehr kollektive Empörung, als einer dynamischen Konsensdemokratie zuträglich ist.

 

Das ZDF zum Beispiel braucht nur eine sprachunsensible Moderatorin, zwei streitlustige Künstler, drei linke Kabarettisten und vier Tage Zeit dazwischen. Am 12. Juli entfuhr Andrea Kiewel im „Fernsehgarten“ beim Anblick japanischer Pokémon-Karten ein rassistisches Klischee. Kurz nachdem das Zweite Kiwis „Shing Shong Shaang“ ihrer Echtzeit-Impulsivität geschuldet sah, lud ZDF-Intendant Norbert Himmler Danger Dan und Igor Levit von der Satire-Show „Die Anstalt“ aus, weil ihr neuer Song zur linken Gewalt gegen rechts aufrufe.

 

Dessen Titel „Keine Angst“ könnte auch als Überschrift dieser zwei Skandale einer reizbaren Branche dienen, die mehr miteinander zu tun haben, als man denkt.

 

Selbstjustiz propagiert?

Zur Erinnerung: Mitte voriger Woche wollten Max Uthoff, Maike Kühl und Claus von Wagner ihre 100. „Anstalt“ aufnehmen, als vom Mainzer Lerchenberg die Mitteilung ins Münchner Bavaria-Studio platzte, der Text von Danger Dan könne „als Anleitung zum politischen Extremismus verstanden werden, der Selbstjustiz propagiert und rechtswidrige Taten und Gewalt nicht ausschließt“.

 

Inhaltlich bestehe zwar kein Zusammenhang zwischen der Ausladung und dem „Fernsehgarten“, meint Claudia Paganini, Professorin für Medienethik an der Uni Innsbruck. „Durch die zeitliche Nähe entsteht aber eine eigenartige Optik.“ Während sich das ZDF einerseits auf Kiewels „gute Absicht beruft“, orientiere es sich andererseits „an einer möglichen Wirkung“. Die verschiedenen Maßstäbe nennt sie inkonsequent: „Hier wird eine tatsächlich ausgestrahlte Entgleisung relativiert, dort ein Beitrag vor seiner Ausstrahlung interpretiert.“

 

Während das beitragsfinanzierte ZDF auf ungestellte Fragen antwortet, gab die Pressestelle ein ebenso schiefes wie verzagtes Statement ab. Kiewels Entgleisung „war der Livesituation geschuldet und keinesfalls rassistisch gemeint“, ließ das Zweite verlauten. Anstelle der Moderatorin fügte es noch hinzu, sie „bedauert ihre Worte und entschuldigt sich dafür“. Spätestens hier wird der publizistische Skandal zum kommunikativen.

 

Perspektive der Betroffenen

Denn abgesehen davon, dass es für die Opfer unerheblich ist, wie Rassismus gemeint war, und die jahrzehntelange Bühnenerfahrung einer TV-Vollprofifrau wie Kiewel eigentlich vor ihm bewahren müsste, müsse die anschließende Krisen-PR zügig, konkret, ehrlich und transparent sein, sagt Paganini – und vor allem die Perspektive der Betroffenen einnehmen. Alles offenbar gar nicht so einfach in einer „gereizten Öffentlichkeit“, die „jede Äußerung sofort moralisch bewertet, politisch einordnet und über Social Media vervielfacht“, so Paganini.

 

Im rechtspopulistischen Sperrfeuer stehe das ZDF schon länger unter „extremer Beobachtung und soll möglichst nie einen Fehler machen“. Danger Dans Ausladung belegt aber, dass eben dieser Versuch das Risiko erhöht, „aus Angst vor negativer Bewertung welche zu produzieren“. Ein Teufelskreis, den Paganini parteipolitisch präzisiert: Wer ständig vermeiden wolle, „der AfD Futter zu geben, räumt ihr am Ende eine Art informelles Vetorecht ein“. Diesem Dilemma stellt sich das Zweite im Shitstorm der vergangenen Tage bestenfalls ungeschickt.

 

Dabei stellt es aus Sicht des Medienforschers Christian Schicha „die Unabhängigkeit der Redaktion in Frage und demontiere so sein eigenes pluralistisches Fundament, auf dem es ‚sinnvoll und richtig gewesen‘ wäre, ‚zwei Künstlern die Bühne einer Satiresendung zu geben, um Strategien der Zivilgesellschaft gegen faschistische Tendenzen anzusprechen‘“.

 

Auf- und absteigende Lernkurven

Am Samstag durften Uthoff, Kühl und Wagner in ihrer Jubiläumsfolge (im ZDF-Hauptprogramm am Dienstag ab 22.15 Uhr zu sehen) zwar online Stellung gegen die Ausladung beziehen, bevor sich ein „Aspekte“-Spezial und das „heute-journal“ damit befassten. Man könnte hier von einer aufsteigenden Lernkurve reden.

 

Die Bitte um Stellungnahmen zum Stand der Kiewel-Debatte jedoch beantwortet der Sender mit dem mittlerweile acht Tage alten Statement der Vorwoche und beteuert kühl, falls „im ZDF Fehler geschehen, werden diese aufgearbeitet, korrigiert und transparent gemacht“. Da flacht die Lernkurve also gleich wieder ab.

 

Und so zeigt sich hier die altbekannte Wagenburg-Mentalität, vor der Claudia Paganini ausdrücklich warnt – und gleichzeitig zur Vorsorge rät. Zwar hat sich im Schatten des gecancelten Dan der Wirbel um Kiewels Alltagsrassismus inklusive fehlerkulturellem Missmanagement längst gelegt. Um „die Wahrscheinlichkeit derartiger Entgleisungen zu reduzieren“, hält die Expertin aber „Schulungen oder den gezielten Austausch mit Menschen“ für nötig, „die häufig diskriminierten oder rassistisch beleidigten Gruppen angehören“.

 

Zensur oder vorauseilender Gehorsam?

Auch dazu hat sich das ZDF noch nicht geäußert. Vorerst könnte es den „Fernsehgarten“ ab Minute 64 als strittig markieren, anstatt die Ausgabe unkommentiert in der Mediathek zu behalten. Sie zu streichen, würde die große Gereiztheit indes nur noch steigern.

 

Wer in Sachen Danger Dan nun „Zensur“ ruft, liegt zumindest schief. Zensur beschreibt eher staatliches Handeln. Vorauseilender Gehorsam wie beim ZDF aber steht der demokratischen Willensbildung auch ohne Staat genauso im Wege wie mangelnde Reflexion. Paganinis Empfehlung: „Fehler eingestehen, erklären, korrigieren, ohne bei jeder Empörung in Panik zu geraten.“

 

So trage auch die Debatte um „Keine Angst“ nicht nur dazu bei, „das Lied kommerziell erfolgreicher zu machen“, wie ihr Kollege Schicha meint. Sie könnte auch die Zivilgesellschaft motivieren, „sich ohne Einsatz von Gewalt gegen faschistische Tendenzen zu wehren“.

 

 

 

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