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Newsroom – Björn Czieslik

Julia Becker: „Wir haben unfassbar viel ausgeschüttet“

Julia Becker: „Wir haben unfassbar viel ausgeschüttet“ Julia Becker (Foto: IMAGO / Horst Galuschka)

Die Funke-Verlegerin übt im OMR-Podcast ungewöhnlich deutliche Kritik an früheren Eigentümergenerationen. Zu viel Geld sei ausgeschüttet und zu wenig in Innovation, Technologie und Qualitätsjournalismus investiert worden.

Essen – Funke-Verlegerin Julia Becker kritisiert im „OMR Podcast“ frühere Generationen im Verlag dafür, Investitionen in Zukunftstechnologien und Innovationen zugunsten satter Gewinne vernachlässigt zu haben. „Ich sehe dieses Unternehmen nicht als etwas, an dem meine Familie und meine Geschwister uns irgendwie maximal bereichern sollten“, sagt Becker im Gespräch mit Philipp Westermeyer. „Ich glaube, dass die Generation vor mir, in Zeiten, wo die Erlöse, Vermarktung und Vertrieb nur so sprudelten, sich irgendwann ausschließlich darauf konzentriert haben, das zu optimieren.“ Vieles an Zukunftsvisionen und technologischer Weiterentwicklung sei nicht passiert, „weil man irgendwie in diesem sehr satten Selbstverständnis war: ,Läuft doch.‘“ Kunden und Leser seien „von ganz alleine“ gekommen. Die Eigentümerfamilien mussten sich, so Becker, nur noch darum kümmern: „Was machen wir jetzt mit dem ganzen Geld?“


Seit Juni 2021 gehört der Verlag vollständig Julia Becker sowie ihren Geschwistern Niklas Wilcke und Nora Maria Marx. Bis dahin regelte ein Familienvertrag der Eigentümerfamilien, dass 80 Prozent des Ergebnisses ausgeschüttet werden. „Wir haben unfassbar viel an Ausschüttungen zugelassen“, kritisiert Becker und betont, dass ihre Mutter Petra Grotkamp sich als Jüngste von vier Schwestern immer vehement dagegen gestellt habe. „Am Ende ist das, was dieses Unternehmen erwirtschaftet hat, eben nicht investiert worden oder nur in ganz geringen Teilen.“ Überall auf der Welt sei durch Technologie ein Fortschritt und eine Weiterentwicklung entstanden. „Und wir in Essen, wir sind einfach zu Hause geblieben. Dann wurden diese Hunderte von Millionen ausgeschüttet und weiter ging es.“ Dabei sei „in vielfacher Hinsicht auch der Anspruch an den Qualitätsjournalismus“ auf der Strecke geblieben.

 

Westermeyers Einwand, es sei aus unternehmerischer Sicht nachvollziehbar, in einer schrumpfenden Branche noch ein paar Jahre das Bestmögliche abzuschöpfen und sich dann zurückzuziehen, erwidert Becker, ihre Mutter habe ihnen immer vermittelt, „dass dieses Unternehmen uns quasi nur geliehen wurde“ und die Familien „dafür sorgen sollen, dass es für die nächste Generation bestmöglich behandelt und verbessert wird. Es ging für uns immer um das Weitergeben an die nächste Generation.“ Dabei stelle sich für Becker auch die Frage: „Ist dieser verlegerische Auftrag und der Erhalt von Medienvielfalt nicht am Ende das ,Warum‘?“ In einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft sei „nichts relevanter, als das Vertrauen in echte, menschengemachte Nachrichten wiederherzustellen“, sagt Becker. Unabhängiger Journalismus könne aber nur dann frei sein, wenn er wirtschaftlich unabhängig ist.

 

Den publizistischen Anspruch im Lokal- und Regionaljournalismus könne Funke nur leisten, weil das Segment der Programmzeitschriften immer noch die wichtigste und ertragreichste Säule des Unternehmens ist. „Wir haben mit diesen Programmzeitschriften eine sichere, zuverlässige Maschinerie im Keller stehen, die nach wie vor dafür sorgt, dass die Ertragskraft des Konzerns weiterhin stark bleibt“, sagt Becker. Es sei ein Phänomen, „dass Menschen immer noch mit großer Begeisterung Fernsehzeitschriften kaufen und lesen“, obwohl sie zunehmend weniger lineares TV schauen. Programm-Marken wie „Hörzu“ hätten sich darauf mit Einordnung und Streaming-Themen eingestellt. „Ich glaube, es hat mit einem ganz großen Markenvertrauen zu tun. Die Fernsehzeitschriften sind anders als die regionale Tageszeitung irgendwie in den Haushalten geblieben.“

 

Im Podcast erzählt Becker außerdem, warum Funke sich von seinen Yellow-Blättern getrennt hat, weshalb das Medienhaus eine Para-Reitsport-Veranstaltung aus dem Sauerland übertragen hat und welche Gefahren sie durch Social Media sieht.

 

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