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Lanz und Precht: Warum Leserfinanzierung den Journalismus verändert

Lanz und Precht: Warum Leserfinanzierung den Journalismus verändert Markus Lanz (Screenshot: YouTube)

Wie viel Haltung verträgt Journalismus – und wo beginnt Aktivismus? Im ZDF-Podcast „Lanz & Precht“ diskutieren Markus Lanz und Richard David Precht über veränderte Geschäftsmodelle, politische Agenden und den Zustand der Medien.

Mainz – Im ZDF-Podcast „Lanz & Precht“ (Folge 248 auf YouTube) widmen sich Markus Lanz und Richard David Precht der Frage, die die Medienbranche seit Monaten beschäftigt: Wie aktivistisch darf Journalismus sein?


„Ich versuche immer, möglichst objektiv auf die Dinge zu schauen. Irgendwann entwickle ich eine Meinung, aber ich habe keine Agenda“, sagt Lanz. Er sei kein Aktivist, sondern Journalist. Auch Richard David Precht bezeichnet sich nicht als Aktivist – wohl aber als jemand mit einer „philosophischen Agenda“. Den Unterschied zwischen Aktivismus und Journalismus beschreibt Precht so: Aktivisten betrieben keine Aufklärung, das Ergebnis stehe von vornherein fest. Er zitiert den Kabarettisten Volker Pispers: „Wenn man weiß, wo der Feind steht, hat der Tag Struktur.“


Den ökonomischen Schlüssel zur Erklärung liefert Precht mit einem Verweis auf Christoph Kucklick, bis vergangenes Jahr Leiter der Henri-Nannen-Schule: Früher finanzierten Anzeigenkunden bis zu 70 Prozent der Medien – und wer viele Anzeigenkunden binden wolle, polarisiere nicht zu stark. Heute sei es umgekehrt: 70 Prozent kämen von Lesern. Die wollten, dass das Medium ihre Meinung vertrete. „Dem Affen kann man gar nicht genug Zucker geben“, sagt Precht. Der Übergang von starker Meinung zu Aktivismus sei damit Tür und Tor geöffnet.


Lanz geht noch einen Schritt weiter und nennt ein konkretes Beispiel: Zeitungen könnten heute genau sehen, welche Artikel wie viele Abos generieren. Verdachtsberichterstattung über bekannte Männer – mit Bezug zu Sex, Macht und Straftaten – ziehe besonders stark. Die Geschichte rund um Jerome Boateng habe dem „Spiegel“ laut internen Quellen rund 15.000 neue Abos gebracht. „Danach kommt Luke Mockridge, dann kommt irgendwann Till Lindemann und zuletzt Collien Fernandes“, sagt Lanz. Das sei kein Boulevardphänomen mehr, sondern mittlerweile auch das Geschäftsmodell seriöser Medien.


Besonders scharf fällt Prechts Urteil über das gemeinnützige Recherchezentrum Correctiv aus. „Da ist sehr viel Aktivismus im Spiel“, sagt er – erkennbar daran, welche Themen recherchiert werden und welche nicht. Lanz ergänzt aus eigener Erfahrung: Er habe das Gespräch über die Correctiv-Recherche zum Potsdamer Treffen in seiner Sendung geführt – und das argumentative Kartenhaus sei dabei in sich zusammengefallen.


Lanz greift in der Sendung auch die These von „Welt“-Chefkommentator Andreas Rosenfelder auf, wonach das große Interesse am Höcke-Podcast von Ben Berndt auf ein Versagen der etablierten Medien hinweise: Diese hätten Höcke zu lange kein Forum geboten. „Höcke kein Forum zu bieten, ist ein Fehler“, zitiert Lanz Rosenfelder. „Dann spricht er anderswo – und dann gelten die Regeln von anderswo.“


Auf Funke-Digital-Chefredakteurin Melanie Amann, die in ihrer ersten „Amann Unframed“-Folge sagte, Julian Reichelt sei einer der wenigen echten Aktivisten im Journalismus, antwortet Precht direkt: „Dass Julian Reichelt ein Aktivist ist, würde ich unterstreichen. Aber dass er so der Einzige ist und dass die anderen Journalisten alle keine sind – das halte ich für Blödsinn.“


Für die Zukunft des Journalismus zieht Precht ein düsteres Fazit. Hajo Friedrichs’ berühmter Satz – ein Journalist mache sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten – sei „mausetot“. „Die schönen Zeiten sind wirklich vorbei“, sagt Precht. Allerdings hofft er auf eine Gegenbewegung – und nennt die „Zeit“ als positives Beispiel: „Da wird relativ unideologisch nach allen Richtungen frei nachgedacht – und die haben großen Erfolg damit.“


Das Gespräch von Lanz und Precht knüpft direkt an eine Debatte an, die kress.de seit Wochen begleitet: Die erste Folge von Funke-Digital-Chefredakteurin Melanie Amanns Podcast „Amann Unframed“ mit Ben Berndt hatte die Frage nach Neutralität und Aktivismus im Journalismus neu entfacht. Finanzfluss-Chefredakteurin Mary Abdelaziz-Ditzow ergänzte in einem Gastbeitrag für kress.de, dass Neutralität vom Journalismus weder gefordert noch möglich sei – weder im Medienstaatsvertrag noch im Pressekodex.

 

 


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