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Medienethiker lobt KI-Enzyklika des Papstes: „An keiner Stelle peinlich oder cringe“

Der Wiener Medienethiker Alexander Filipovic sieht in der ersten Enzyklika von Papst Leo XIV. zur Künstlichen Intelligenz einen „großen Wurf“. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) lobt er den „radikalen Gegenwartsbezug“ des Schreibens „Magnifica humanitas“ – kritisiert aber fehlende Perspektivenvielfalt, insbesondere bei Frauen.

Bonn/Wien (KNA) – Ausgerechnet das aktuelle Thema KI hat sich der Papst für sein allererstes Lehrschreiben ausgesucht. Ein Wagnis, findet der Wiener Medienethiker Alexander Filipovic. Und: Wer wagt, gewinnt. Kleine Schwächen sieht er dennoch, vor allem bei der Perspektivenvielfalt.
In seinem ersten päpstlichen Lehrschreiben „Magnifica humanitas“ („Großartige Menschheit“) befasst sich Leo XIV. mit dem Thema Künstliche Intelligenz. Manche Fachleute sind eher skeptisch, wenn die Kirche sich zu solchen aktuellen Fragen äußert. Beim Thema KI aber könnte dem Papst mit seiner Enzyklika ein großer Wurf gelungen sein – wenn auch mit kleinen Schwächen, erklärt der Wiener Sozial- und Medienethiker Alexander Filipovic im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA):

 

Viele haben lange mit Spannung auf das erste Lehrschreiben des Papstes gewartet. Hat sich das Warten gelohnt?
Alexander Filipovic: Ja! Es hatte ja ein bisschen was von der Vorstellung einer neuen Smartphone-Generation, auch wenn man das sicher nicht eins zu eins vergleichen kann. Aber alle haben vorher spekuliert: Wann ist der Veröffentlichungstermin, wann kriegen wir es in die Finger und wann können wir es auspacken, um zu sehen, was drinsteht? Das war schon eine interessante Dynamik. Und auch die Geheimhaltung hat sehr gut geklappt. Das scheint dem Vatikan auch extrem wichtig gewesen zu sein. Also, ich habe die Enzyklika mit Spannung gelesen und muss sagen: Er hat den Ton getroffen, ist nicht zu konkret geworden, aber auch nicht zu allgemein geblieben. Well done, Papst Leo!

 

Was ist das Besondere an dieser Enzyklika?
Wie bei vielen Sozialenzykliken der radikale Gegenwartsbezug. Und wo es bei „Laudato Si“ von Papst Franziskus der Blick auf den Klimawandel war als drängendes aktuelles gesellschaftliches Problem, blickt Leo XIV. in „Magnifica humanitas“ auf KI. Und was mir auch gut gefällt: Er sagt nicht: „Wir haben die Wahrheit und wissen, wie es geht, mit unseren unveränderlichen Prinzipien. Und die schmeißen wir jetzt auf ein Gegenwartsproblem und haben – zack – die Lösung.“ Der Stil ist ein ganz anderer und bringt die Kirche so glaubwürdig ein in die aktuellen Debatten.

 

Könnten Tech-Konzerne und KI-Praktiker jetzt sagen: typisch Kirche – die kommen mit erhobenem Zeigefinger und hinken der modernen Welt meilenweit hinterher …
Eben nicht! Ich hatte vorab ein wenig Angst, dass das passieren könnte. Aber man könnte es auch als eine der großen Stärken des Schreibens bezeichnen, dass es an keiner Stelle peinlich ist oder cringe, wie man heute gerne sagt. Ich denke da an andere Momente, etwa als Papst Benedikt den ersten Tweet losgeschickt hat und man so dachte: „Muss das sein?“ Hier aber hat man nie den Eindruck, als ob sich die Kirche mit Mühe an etwas herantasten musste, was ihr total fremd ist. Sie zeigt ein gutes Technikverständnis und steht mitten in der Realität. Das gefällt mir gut.

 

Ein großes Thema ist die Wahrheit – auch mit Blick auf die Medien. Was schreibt der Papst ihnen ins Stammbuch aus Sicht eines Medienethikers?
Vor allem eine radikale Wahrheitsverpflichtung. Und das auch dort, wo Medien über das berichten, was in der Kirche nicht gut ist – vom „Übel der Kirche“ ist sogar die Rede. In Zeiten von Fake News und Manipulationen – nicht nur durch KI – sagt er: Wahrheit ist ein knappes Gut geworden, und wir müssen auf allen Ebenen versuchen, das zu sichern.

 

Und was sollten die Medien selbst daraus machen, etwa wenn es um ganz praktische Fragen geht wie: Darf ich KI meine Texte schreiben lassen? Oder Videos mit KI erstellen?
Radikal der Wahrheit verpflichtet sein – das gilt auch hier als oberste Maxime, denke ich. Und: Augen auf beim Nutzen von KI und noch stärker dafür eintreten, dass die Kontrolle über die Daten und die Modelle nicht bei unter Umständen seltsamen Tech-Milliardären liegt, sondern demokratisch abgesichert ist.

 

Der Papst blickt ja auch nach innen in die Kirche. Wie bewerten Sie diese Passagen?
Das ist immer ein wichtiger Prüfstein in der Sozialethik: Erfüllen wir selbst, was wir von anderen fordern? Etwa in Sachen Gerechtigkeit und Solidarität. Ich bin sehr froh, dass der Papst das hier auch macht. Aber er verpasst auch eine Chance. Und zwar bei den Frauen. Da gibt es eine Passage, wo er die noch nicht erreichte Gleichberechtigung von Frau und Mann in der Gesellschaft thematisiert. Ohne auf die Kirche einzugehen. Da lässt er was liegen. Und Frauen könnten auch enttäuscht sein, weil er nur sehr wenige Autorinnen zitiert. Beim Thema KI hätte man da noch einige Perspektiven mehr einbringen können. Auch hier lässt Papst Leo ein paar Möglichkeiten liegen.

 

Bei allem Lob für das Schreiben, das es jetzt von vielen Seiten gibt, bleibt aber die Frage, was eine päpstliche Enzyklika überhaupt bewirken kann? Anders gefragt: Hören Putin, Trump, Musk und Co. auf Leo XIV.?
Filipovic: Da muss man natürlich realistisch sein. Die von Ihnen Genannten lassen sich vermutlich eher nicht irritieren auf ihrem Kurs. Aber es gibt sicher genug andere in der Szene, die Argumenten zugänglich sind. Ich glaube, dass so eine Enzyklika schon eine große Wirkung entfalten kann und dass viele Menschen – gerade vielleicht auch in dieser Zeit der Krise unserer internationalen globalen Institutionen – sehen, welche Kraft die Kirche hat als globale Organisation. Sie muss halt überzeugen mit guten Argumenten, das ist der Schlüssel. Die Enzyklika „Laudato Si“ war für die Umweltbewegung ein extrem wichtiges Papier und nicht nur für die Kirche. Leider gibt es keine weltweite Sozial- und KI-Bewegung, bisher jedenfalls nicht, obwohl es wünschenswert wäre. Es hängt jetzt an uns allen in Politik, Gesellschaft und Medien, den Ball aufzugreifen, den der Papst ins Spiel gebracht hat.

 

Zum Schluss: Was muss passieren, damit Sie in ein paar Jahren sagen: Die KI-Enzyklika vom Mai 2026 war ein großer Wurf?
Es wäre toll, wenn sich die großen Unternehmen, die an der Monetarisierung von KI-Modellen gerade arbeiten, zusammensetzen würden und vielleicht mithilfe der Vereinten Nationen ein Gremium einrichten, das sich dauerhaft mit der Regulierung und den Grenzen künstlicher Intelligenz befasst. Ich würde mir wünschen, dass die Politik sehr viel mutiger wird zu regulieren. Als Gegenpol zu allen, die KI als Herrschafts- und Machtinstrument nutzen – Unternehmen wie auch Staaten. Dafür aber braucht es Strukturen und Institutionen, die von möglichst vielen mitgetragen werden. Es gibt hier kleinere Ansätze, und ich hoffe, dass daraus eine große Bewegung wird, um KI klug zu nutzen – mit dem Gemeinwohl als oberstes Ziel.


Zur Person
Alexander Filipovic, geboren 1975 in Duderstadt, ist Professor für Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Zu seinen Schwerpunkten gehören Medienethik, Technikethik (Digitale Ethik), Politische Ethik und Philosophischer Pragmatismus. Er ist seit 2012 Mitherausgeber der medienethischen Zeitschrift „Communicatio Socialis“ und war sachverständiges Mitglied in der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Künstlichen Intelligenz.



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