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„Meine schwerste Entscheidung“: Politik jenseits des Tagesgeschäfts

„Meine schwerste Entscheidung“: Politik jenseits des Tagesgeschäfts Julia Emmrich und Jan Dörner (Foto: Funke)

Die Hosts Jan Dörner und Julia Emmrich erklären, wie sie sich dem Podcast journalistisch nähern und warum Biografie für sie eine zusätzliche Perspektive auf Politik eröffnet.

Berlin – Nicht der politische Schlagabtausch steht im Mittelpunkt, sondern die Entscheidungen, die ein Leben prägen. Mit der neuen Staffel des Podcasts „Meine schwerste Entscheidung“ sprechen Jan Dörner und Julia Emmrich mit Spitzenpolitikern über Zweifel, Verluste und Wendepunkte. Zum Auftakt erzählt NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst so persönlich wie selten von den schwersten Momenten seines Lebens.

 

Im Interview erklären die beiden Hosts, warum sie Politik jenseits des Tagesgeschäfts erzählen wollen und weshalb gerade persönliche Geschichten helfen können, politische Entscheidungen besser zu verstehen.

 

Jan Dörner, Sie sind neu als fester Host an der Seite von Julia Emmrich. Wie anders war die Aufnahme der ersten Folge mit NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst als Gast?

Jan Dörner: Julia und ich kennen uns gut und arbeiten als bundespolitische Korrespondenten der FUNKE Zentralredaktion in Berlin eng zusammen. Diese Mischung aus persönlicher Vertrautheit und politischer Sachkenntnis möchten wir in dem Podcast zur Geltung bringen. Das Format ist schon sehr erfolgreich gewesen. Als Motto für die zweite Staffel haben wir uns deswegen vorgenommen: Wir wollen nicht alles Gute anders machen, aber vieles anders gut.

 

Worin unterscheiden Sie sich bewusst von anderen Politik-Podcasts?

Dörner: Wir lösen uns von dem schnellen Alltagsgeschäft und sprechen ausdrücklich nicht über den neuesten Aufreger im politischen Berlin oder den letzten Sachstand der Rentendebatte. Unsere Gäste bekommen die Gelegenheit, nachdenklich zu sein oder in Ruhe über ihre schweren Entscheidungen zu erzählen.

 

Sie führen seit vielen Jahren politische Interviews. Was reizt Sie an diesem deutlich persönlicheren Format am meisten und haben Sie nach den ersten Folgen das Gefühl, dass man Politiker so besser verstehen kann als in klassischen Nachrichteninterviews?

Dörner: Politische Interviews sind hervorragend geeignet, um den journalistischen Scheinwerfer auf die tagesaktuelle Politik zu richten. Durch unseren Podcast können die Hörerinnen und Hörer unsere Gäste nicht nur als Menschen besser kennenlernen. Wir sprechen auch darüber, wie Entscheidungen in der Politik entstehen. Das kann zum Beispiel Verständnis dafür wecken, warum es manchmal mühsam ist, bis die Politik zu Beschlüssen kommt.

 

Hendrik Wüst spricht bei Ihnen ungewöhnlich offen über den frühen Tod seiner Eltern, persönliche Krisen und Selbstzweifel. Wann haben Sie im Gespräch gemerkt, dass dieses Interview eine andere Tiefe erreichen würde als ein klassisches Politiker-Gespräch?

Julia Emmrich: Das Gespräch war fast von Beginn an sehr intensiv. Hendrik Wüst schildert uns eine „Stunde Null“ in seinem Leben, als er Mitte 30 war. Der Tod seiner Mutter lag damals schon einige Jahre zurück. Dann kam es Schlag auf Schlag: Seine Beziehung ging in die Brüche, seiner politischen Karriere drohte das Aus und dann starb überraschend sein Vater.

Dörner: Durch seinen Rücktritt als Generalsekretär der CDU in Nordrhein-Westfalen hatte Hendrik Wüst überhaupt Zeit, seinen Vater an zwei Abenden hintereinander zu besuchen. Der fragte Wüst: „Junge, geht’s dir gut?“ Am nächsten Tag war sein Vater tot. Über solche Schicksalsmomente sprechen Politikerinnen und Politiker eher selten.

 

Sie verzichten im Podcast weitgehend auf konfrontative Debatten und setzen stattdessen auf Biografie und Persönlichkeit. Ist das ein bewusstes Gegenmodell zum oft zugespitzten Hauptstadtjournalismus?

Emmrich: Es geht nicht um ein Gegenmodell. Es geht um eine Erweiterung: Wir zeigen, wer die Menschen hinter den Debatten sind, was sie antreibt, warum sie manchmal zweifeln und wie sie im Nachhinein auf ihre eigenen Entscheidungen schauen.

 

Gab es während des Gesprächs mit Hendrik Wüst einen Moment oder eine Antwort, die Sie persönlich besonders überrascht oder emotional berührt hat?

Dörner: Ich habe Wüst gefragt, was er seinen Eltern von seinem heutigen Leben gerne zeigen würde. Wüst antwortet, er wünschte, seine Eltern hätten ihre Enkeltöchter kennenlernen können. Der Moment hat mich berührt.

 

Wie bereiten Sie sich auf ein Gespräch vor, bei dem persönliche Lebensentscheidungen im Mittelpunkt stehen? Welche Rolle spielen klassische politische Recherche und welche biografische Recherche?

Emmrich: Wir versuchen einerseits, uns in die Menschen hineinzuversetzen, die zu uns ins Studio kommen. Dabei hilft es, dass wir viele seit Jahren persönlich kennen – aus Interviews und Hintergrundgesprächen. Wir lesen aber auch Biografien oder hören uns andere Podcasts an. Gut ist, wenn man weiß, was die Gäste neben der Politik geprägt hat: Wo haben sie ihre Wurzeln, welche Musik hören sie – sowas. Andererseits fragen wir uns natürlich, inwiefern all das bei einem Politiker das Handeln prägt.

Dörner: Ob die „schwerste Entscheidung“ politisch oder persönlich ist – wir möchten den Menschen kennenlernen, der bei uns zu Gast ist. Bei der Recherche fällt uns auf, dass manche Fakten aus dem Leben unserer Gäste gar nicht bekannt sind. Das notieren wir uns dann und fragen in dem Gespräch danach, wenn es thematisch passt.

 

Ihr Podcast zeigt Spitzenpolitiker von einer sehr privaten Seite. Ist das Show bei den Politikern oder lassen sie tatsächlich echte Nähe zu?

Emmrich: Ich glaube nicht, dass das nur Show ist, wenn Politiker sich öffnen. Wer persönliche Nähe nur vortäuscht, wirkt schnell unglaubwürdig – das wollen Politikerinnen und Politiker auf keinen Fall. Aber natürlich ist die Frage erlaubt, warum ein Politiker seine persönlichen Seiten zeigen will. Am Ende wollen sie Deutschland gestalten – und dazu müssen sie gewählt werden.

 

Im Gespräch mit Hendrik Wüst ging es sowohl um Familie und Glauben als auch um Friedrich Merz, Jens Spahn und mögliche Kanzlerambitionen. Wie finden Sie die richtige Balance zwischen persönlichen und politischen Themen?

Dörner: Für einen Podcast wie unseren ist die Mischung wichtig: Es soll politisch sein, aber auch persönlich. Ernste Fragen sollen sich mit lockereren Themen abwechseln. Wir lassen uns bis zu einem gewissen Grad durchs Gespräch treiben – als ob wir gemeinsam am Küchentisch säßen. Vorher haben wir uns aber Gedanken gemacht, wie wir dabei die Balance behalten. Dabei verwerfen wir auch Ideen, wenn wir das Gefühl haben, dass es sonst zu einseitig wird.

 

Hendrik Wüst gilt als möglicher CDU-Kanzlerkandidat der Zukunft. Hat das Ihre Fragenauswahl beeinflusst oder wollten Sie gerade dieses politische Narrativ bewusst in den Hintergrund rücken?

Emmrich: Wir sind immer noch Hauptstadtjournalisten, die sich für jedes Detail der politischen Debatten interessieren! Deswegen haben wir Hendrik Wüst natürlich auch danach gefragt, wie sein Verhältnis zu Merz ist – und ob er sich eines Tages einen Umzug ins Kanzleramt vorstellen kann.

Dörner: Ich glaube, viele Hörerinnen und Hörer hätten sich auch gewundert, wenn wir das Thema gar nicht angesprochen hätten. Schließlich hat es vor Kurzem Spekulationen darüber gegeben, ob Wüst im Zuge eines „Kanzlertauschs“ Merz schon bald ersetzen könnte. Wer wissen will, was Hendrik Wüst uns dazu erzählt hat, muss reinhören in „Meine schwerste Entscheidung“ …

 

Sie berichten seit Jahren über Bundespolitik. Hat der Podcast Ihren Blick auf Spitzenpolitiker verändert und wenn ja, inwiefern?

Emmrich: Ich habe großen Respekt vor der Entscheidung, in diesen Zeiten politisch Verantwortung zu übernehmen – egal, ob als Kommunalpolitiker oder als Bundeskanzler. Dieser Respekt ist durch den Podcast noch gewachsen.

 

Welche Eigenschaften muss ein Gast mitbringen, damit eine Folge von „Meine schwerste Entscheidung“ wirklich funktioniert? Gibt es Persönlichkeiten, bei denen Sie bewusst auf eine Einladung verzichten würden?

Emmrich: Der Gast muss sich wirklich öffnen wollen. Jan und ich sind lange genug dabei, um bei manchen Kandidaten ziemlich sicher zu wissen: Das wird nichts. Dann laden wir sie auch nicht ein.

 

Welche Folge hat Sie bislang journalistisch oder menschlich am meisten überrascht und warum?

Emmrich: Um ehrlich zu sein, gibt es in fast jeder Folge einen Aha-Effekt. Wenn staubtrockene Typen einen unerwartet zum Lachen bringen – oder wenn verschlossene Menschen sich auf einmal als tief emotionale Menschen zeigen. Es gibt immer irgendwas Überraschendes: Omid Nouripour hat bei uns gerappt, bei Bodo Ramelow hätte ich fast geweint.

 

Welche Rückmeldungen erhalten Sie von Politikerinnen und Politikern nach den Aufzeichnungen? Gibt es Gäste, die sich im Nachhinein über ihre Offenheit gewundert haben?

Emmrich: Mein Lieblingsbeispiel ist Carsten Linnemann. Der damalige CDU-Generalsekretär hat beim Rausgehen gesagt, dass er sich vorher nicht sicher gewesen sei, ob er überhaupt in ein solches Format passe. Aber jetzt sei er einfach nur froh, dass er es gemacht habe.

 

Soll der Podcast vor allem ein Politikformat bleiben oder können Sie sich künftig auch Gäste aus Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft oder Sport vorstellen?

Dörner: Wir wollen mit der zweiten Staffel den Blick weiten. Politiker und Politikerinnen werden weiterhin oft bei uns zu Gast sein. Wir möchten aber stärker als bisher auch mit Menschen sprechen, die auf andere Weise die Debatten hierzulande und unsere Gesellschaft beeinflussen.

 

 

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