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Newsroom – Markus Wiegand

Springers 660-Millionen-Wette: Kann der „Telegraph“ global durchstarten?

Springers 660-Millionen-Wette: Kann der „Telegraph“ global durchstarten? Springer-Boss Mathias Döpfner (Foto: Imago/epd)

Axel Springer zahlt einen erstaunlich hohen Preis für die britische „Telegraph“-Gruppe – und setzt damit alles auf internationales Wachstum und KI-getriebenen Journalismus. Doch die Marke ist außerhalb Großbritanniens schwach, das Erlöspotenzial begrenzt. Geht die Rechnung von Mathias Döpfner auf – oder ist der Deal überambitioniert?

Berlin – Es ist eine steile Bewertung: Umgerechnet 660 Millionen Euro hat Axel Springer für den Kauf der britischen „Telegraph“-Gruppe mit dem „Daily Telegraph“ hingelegt. „kress pro“-Chefredakteur Markus Wiegand analysiert in seiner Rubrik „Aus unseren Kreisen“, warum die konservative Zeitung dem Springer-Boss Mathias Döpfner so viel wert ist:

 

Im März hat Axel Springer für die britische „Telegraph“-Gruppe mit dem konservativen Flaggschiff „Daily Telegraph“ doch tatsächlich umgerechnet 660 Millionen Euro (575 Millionen Pfund) hingelegt. Es wurde bisher wenig beachtet, dass das für ein Medienunternehmen eine ganz schön steile Bewertung ist.

 

Die Gruppe erzielte 2024 bei einem Umsatz von 279,4 Millionen Pfund zwar ein gutes operatives Ebitda-Ergebnis (vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) von 60,7 Millionen Pfund, was einer Marge von 20,7 Prozent entspricht, dennoch zahlt Springer fast das Zweifache des Jahresumsatzes oder mehr als das Neunfache des operativen Ebitda-Ergebnisses. Döpfner hat damit die „Daily Mail“-Gruppe überboten, die allerdings im britischen Markt im Gegensatz zu Springer Synergien gehoben hätte.

 

Die Erklärung des teuren Deals: Axel Springer braucht eine englischsprachige Marke, um den eigenen strategischen Anspruch zu erfüllen, „führender Anbieter von KI-basiertem Journalismus für die freie Welt“ zu werden.

 

Eines ist aber auch klar: Die Gruppe muss rasch wachsen, um den Kaufpreis wieder einzuspielen. Ende 2024 hatte die „Telegraph“-Gruppe 842.000 Digitalabonnenten (inkl. Print waren es 1.086.000). In den zwei Jahren zuvor sind die digitalen Vertriebserlöse um 40 Prozent gestiegen. Dieses Wachstum muss Springer beschleunigen. Döpfner sieht global und vor allem in den USA eine publizistische Lücke im konservativen Spektrum. Abseits der Wirtschaftstitel „Financial Times“ und des „Wall Street Journal“ gibt es keinen gemäßigten Titel, etwa als Gegenstück zur liberal-progressiven „New York Times“.

 

In dieser Liga spielt der „Telegraph“ bisher nicht. Im deutschsprachigen Raum ist er einem breiteren Publikum nahezu unbekannt. Die große Frage lautet also, ob Axel Springer es schaffen wird, die Marke tatsächlich zu globalisieren und gleichzeitig die Digitalisierung des Titels voranzubringen. Ausbaufähig sind vor allem die digitalen Werbeerlöse, die 2024 gerade einmal 20 Millionen Pfund ausmachten.

 

Man kann das alles schnell für ein bisschen überambitioniert halten. Allerdings hat Döpfner bei früheren Investitionen gezeigt, dass er das Talent hat, künftige Entwicklungen besser zu antizipieren als andere und dann ins Risiko zu gehen. So legte er einst mit den Investitionen ins digitale Kleinanzeigengeschäft die finanzielle Basis für den aktuellen Expansionskurs. Daran hält Springer noch immer eine Minderheitsbeteiligung – als Absicherung der hochfliegenden verlegerischen Ambitionen.

 

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