Vermischtes
Newsroom – Wolfgang Messner

Warum steht Judith Wittwer plötzlich allein an der SZ-Spitze?

Warum steht Judith Wittwer plötzlich allein an der SZ-Spitze? Judith Wittwer (Foto: IMAGO / dts Nachrichtenagentur)

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat intensiv nach einer neuen Führungslösung gesucht. Am Ende blieb Judith Wittwer allein an der Spitze – offenbar auch, weil mehrere Kandidaten abgesagt haben.

München – Die „Süddeutsche Zeitung“ hat offenbar intensiv nach einer neuen Führungslösung gesucht – und keine gefunden. Nun führt Judith Wittwer die Redaktion allein. Wolfgang Messner beschreibt die Hintergründe der Entscheidung im aktuellen „kress pro“:

 

Wenn man ins Impressum der „Süddeutschen Zeitung“ schaut, gibt es nach den jüngsten Personal-Turbulenzen eine strahlende Siegerin: Judith Wittwer. Statt wie bislang als Co-Chefin zusammen mit Wolfgang Krach vereint sie nun als alleinige Chefredakteurin alle Macht auf sich. Sie ist die neue starke Frau an der Spitze der SZ, könnte man meinen. Der Eindruck täuscht. Denn die Schweizerin, die im Sommer 2020 vom Zürcher „Tages-Anzeiger“ zur „Süddeutschen“ stieß, wurde intern in Redaktion und Management stets als Nummer zwei hinter Wolfgang Krach wahrgenommen. Wittwer blieb lange eher blass und habe sich zu eng an den machtbewussten ehemaligen „Stern“- und „Spiegel“-Redakteur angelehnt, beklagen Führungskräfte aus dem Haus.

 

Entscheidender aber ist, dass auch die maßgeblichen Gesellschafter und das Management ihr die Rolle als alleinige Chefredakteurin zunächst gar nicht anvertrauen mochten. Daher beauftragte der Verlag Headhunter Philipp Fleischmann mit der Suche nach einem Nachfolger von Wolfgang Krach. Er hatte den Auftrag, so schildern es Verlagskreise, eine Top-Lösung von außen zu präsentieren. Was dazu führte, dass „Stern“-Chefredakteur Gregor Peter Schmitz, „Handelsblatt“-Chef Sebastian Matthes und die „Zeit“-Chefs Holger Stark und Jochen Wegner öffentlich als neue SZ-Chefredakteure gehandelt wurden.

 

Allerdings soll der Headhunter das Feld noch deutlich breiter gesichtet und auch in der zweiten Liga Kandidaten angesprochen haben, wie „kress pro“ in Erfahrung gebracht hat. Mit einigen der Kandidaten sollen dem Vernehmen nach Verhandlungen geführt worden sein. Doch zu ihrer Überraschung handelte sich die SZ eine Reihe von Absagen ein. Einige sollen sich daran gestört haben, mit Wittwer eine mögliche Doppelspitze zu bilden. Angeblich sei deshalb von den Herausgebern auch eine Ablösung der Chefredakteurin erwogen worden sein, was die SZ allerdings dementiert.

 

Ein weiteres Hindernis für die Neubesetzung war wohl auch, dass der neue starke Mann – Frauen standen offenbar nicht zur Wahl – sich auch künftig für einen Sparkurs verpflichten sollte. Weitere Eingriffe in den Etat hatte der scheidende SZ-Chef Krach noch abgelehnt, was dann zu seiner Demission führte. So erzählen es jedenfalls Quellen im Haus, die SZ widerspricht auf Anfrage.

 

Was als Erkenntnis der Suche bleibt: Die stolze SZ hat niemand Besseres gefunden. Insofern ist die jetzt gewählte neue Konstellation mit Judith Wittwer als Chefin und den Stellvertretern Roman Deininger und Ulrich Schäfer vielleicht die beste Aufstellung, aber eben dennoch keine Wunschlösung.

 

Dabei wird die Arbeit Wittwers in München durchaus geschätzt, allerdings hält sie kaum jemand in den oberen Verlagsetagen für unverzichtbar. Eigentlich, so berichten Insider, hatte man sich in München mehr von Judith Wittwer versprochen, als sie vor sechs Jahren vom „Tages-Anzeiger“ zur SZ stieß. Was damals allerdings nicht allzu laut kommuniziert wurde: In der Schweiz leitete Wittwer nicht die ganze Redaktion des renommierten Titels, weil der Mantel schon zentralisiert war. In der Schweiz galt die Journalistin als ausgleichende Kraft und gute Redaktionsmanagerin, die die verschiedenen Strömungen gut zu moderieren vermochte. Durch eigene inhaltliche Ideen für den Titel oder gar als starke Publizistin, die nationale Debatten prägt, fiel die gebürtige Zürcherin aber nicht auf.

 

An diesem Grundprofil hat sich auch bei der „Süddeutschen Zeitung“ nichts geändert. Fragt man nach ihrem größten Erfolg, nennen interne Quellen, dass sie die Podcast-Strategie mitverantwortet hat, die im vergangenen Jahr für rund 30 Prozent der neuen Digitalabos sorgte.

 

Was Quellen im Haus allerdings ebenso betonen: Die ehrgeizige Schweizerin hat im vergangenen Jahr eindeutig an Profil gewonnen. Als ihr Co-Chefredakteur Wolfgang Krach längere Zeit krankheitsbedingt ausfiel, steuerte sie das Schiff sicher durch die bewegte See und konnte, gut organisiert und durchsetzungsstark, ihre Qualitäten ausspielen. Jetzt ist sie aber vor allem aus Mangel an Alternativen zur alleinigen Nummer eins aufgestiegen. […]

 

Wer nach der Neuordnung in der Chefredaktion gut dasteht und wer nicht.

 

Must-Reads im aktuellen „kress pro“

  • Wie Medien mit Liquid Content die Bedürfnisse ihres Publikums radikal in den Mittelpunkt stellen. Wozu Top-Berater Dmitry Shishkin als Erfinder des User-Needs-Modells jetzt rät
  • Podcast-Offensive: Wie die Neue Pressegesellschaft ihre Leser mit KI-gestützten Audio-Angeboten zu loyaleren Kunden macht

 

 

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