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Wolf Schneiders Vermächtnis

Wolf Schneiders Vermächtnis Wolf Schneider

Der Journalistenausbilder und „Sprachpapst“ ist tot. Hier seine zehn Forderungen an Journalisten aus dem „medium magazin“. Und was er schon 2010 über Pandemien sagte.

München – Der Journalist und Sprachkritiker Wolf Schneider ist in der Nacht zum Freitag in Starnberg bei München gestorben. Er unterrichtete und prägte Generationen von Journalisten in Deutschland und Österreich. 2010 formulierte er zehn Forderungen an Journalistinnen und Journalisten im „medium magazin“.

 

1. Selbstverständnis

Wir sind dazu da, unseren Mitbürgern anschaulich zu machen, wie es auf der Welt zugeht – egal, ob Print oder Online, im Radio oder im Fernsehen. Politiker können das nicht oder wollen es nicht. Blogger besitzen seltener als wir die Tugenden, auf die es dabei ankommt: Weltkenntnis – Misstrauen – Augenmaß – klares Deutsch – und den Willen, von möglichst vielen gehört, gelesen und verstanden zu werden. Diesen Willen brauchen wir immer. Dazu die Bereitschaft, hart zu arbeiten, wann immer die Zeit reicht, und die Kenntnis der Mittel, die wir dafür einsetzen müssen.

 

2. Weltkenntnis

Bildung lässt sich nicht downloaden. Jeder Journalist sollte eine Vorstellung davon haben, dass Russland in der Einwohnerzahl längst hinter Brasilien, Pakistan, Bangladesch und Nigeria zurückgefallen ist. Und jeder sollte immer noch wissen, welche drei Kriege Bismarck geführt hat. Faktenwissen ist nicht überholt. Wer es nicht hat, ist verloren im Dschungel der Informationen, und kein Computer hilft ihm bei einem Interview.

 

3. Misstrauen

Erstens gegen alle, die uns etwas als Sensation verkaufen wollen. Zweitens gegen inszenierte Medienereignisse: Viele Demonstrationen finden nur statt, damit Transparente vor die Fernsehkamera gehalten werden können. Drittens gegenüber allem, was Politiker und Verbandssprecher von sich geben: Zur Wahrheit haben sie ein taktisches Verhältnis. Wo der Verdacht auf Vertuschung oder Verschweigen besteht, recherchieren wir. Vor aller Recherche aber machen wir uns klar: Bewegt wird mit Worten wenig oder nichts. Dass aus eben solchen Worten meist die Hälfte aller Nachrichten besteht, das sollten wir ändern: Reden und Verlautbarungen bringen wir grundsätzlich halb so viele, und Wahlreden niemals auf Seite 1.

 

4. Distanz

Wird ein Politiker zitiert, so hat dies in Gänsefüßchen oder im Konjunktiv zu geschehen (er habe, es sei). Seine Worte als seine wahren Meldungen wiederzugeben („Der Minister will“ – bloß weil er behauptet hat, er wolle!), ist ein Skandal. Wer diesen Unterschied nicht hört oder nicht wichtig findet, hat seinen Beruf verfehlt.

 

5. Augenmaß

Die Schweinegrippe war die erste Seuche, die sich nicht durch Viren verbreitete, sondern durch Journalisten. Rasch war klar, dass sie weit harmloser verlief als unsere alte Wintergrippe – dass die meisten sich also arglos und dümmlich an der Panikmache durch die Pharma-Industrie beteiligten. Auch den Verantwortungsbewussten unter den Journalisten fehlt es meist am Sinn für Proportionen. Wir sollten im Hinterkopf behalten: Die großen Mörder der Menschheit sind Hunger, Malaria, Aids, verseuchtes Trinkwasser und der Straßenverkehr.

 

6. Sauberes Deutsch

Die Schule hat das korrekte Deutsch gelehrt, und das ist richtig und wichtig. Es lässt sich aber zu Satzungetümen türmen. Für viele Journalisten ist solche Artistik ein Sport, ja eine Frage der Ehre, zumal in den gehobenen Feuilletons. Am Anfang jedes Textes, der nach Lesern oder Hörern strebt, steht die Einsicht: Es genügt bei weitem nicht, dass er korrekt ist und von mir ist – nun beginnt die Arbeit.

 

7. Schlanke Sätze

Jeder Satz sei durchsichtig gebaut und strebe vorwärts, Wort für Wort. Zu vermeiden sind vor allem eingeschobene Nebensätze und vorangestellte Attribute (die Wörter, die wir zwischen den Artikel und das Substantiv quetschen dürfen). Was im Satz so eng zusammengehört wie Subjekt und Prädikat (Wer tut was?) oder die Teile eines zweiteiligen Verbums (er will … kommen), darf höchstens durch sechs Wörter voneinander getrennt sein, sonst überfordert es unser Kurzzeitgedächtnis – dies die Einsicht einer seriösen Wissenschaft, die von niemandem bestritten wird. Aber die meisten Deutschlehrer und Berufsschreiber ignorieren sie.

 

8. Schlichte Wörter

Ein Wort ist umso verständlicher und umso kraftvoller, je weniger Silben es hat (die andere Grundeinsicht der Verständlichkeitsforschung). Auch sonst verwenden wir immer das simpelste verfügbare Wort: Wir brauchen eine neue Waschmaschine (und wir „benötigen“ sie nicht), das hat uns Spaß gemacht (und nicht „bereitet“), das Auto hat vier Räder (und weist sie nicht auf). Frische Wörter: Auf was liefen die Vorbereitungen? „Auf Hochtouren“, natürlich. Bei derart ausgeleierten Redensarten rastet keine Aufmerksamkeit mehr ein. Keine Imponiervokabeln: Kaum eine anspruchsvolle Zeitung ohne den modischen „Paradigmenwechsel“. Vermutlich wissen aber 90 Prozent der Leser nicht, was ein Paradigma ist.

 

9. Synonyme?

Sie sind gut für alle Nebensachen. Sie für die tragenden Begriffe eines Textes auch nur zu suchen, ist die lächerlichste aller journalistischen Unsitten. Für die meisten konkreten Wörter gibt es gar keine. Tisch? („Vierbeiner“ wäre korrekt, ist aber schon vergeben). Urnengang? Der Nachrichtensprecher, der ihn zwanghaft benutzt, verwendet ihn zuhause nie. Vor allem aber: Auch das erträgliche Synonym verletzt ein Urvertrauen aller Hörer und Leser. Solange einer dasselbe meint, sagt er selbstverständlich dasselbe – und wenn er plötzlich etwas anderes sagt: Wie kann er dann dasselbe meinen?

 

10. Reize

Ohne Verständlichkeit ist alles nichts – aber Verständlichkeit ist nicht alles. Sie kulminiert vernünftigerweise in der Gebrauchsanweisung für einen Feuerlöscher; aber die liest sich, wenn es nicht brennt, nicht interessant genug. Ein paar Anreize müssen hinzukommen: spannender Aufbau, dynamische Sätze, Pfeffer, Pfiff. Und mit dem Pfeffer natürlich beginnen! Wie der amerikanische Nobelpreisträger Paul Krugman, der, von einer Studienreise durch China zurückgekehrt, seinen Bericht so eröffnete: „Ich habe die Zukunft gesehen, und sie wird nicht funktionieren.“ Ja – so angelt man sich ihn, den Hörer, den Leser, das kostbare Gut.