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Print vom 17.12.2012

WAZ Mediengruppe will im Märkischen Kreis die weiße Fahne hissen - WR bekommt Lokalteil von Ippen

Wenn es nach den Entscheidern der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung geht, stirbt eine einst bedeutende sozialdemokratische Stimme den langsamen Tod. Die "Westfälische Rundschau" steht vor der faktischen Einstellung, nur wenn die Gesellschafter in die Zeitung investieren, hat sie noch eine Überlebenschance.

Dortmund - Doch die Eigentümer - mehrheitlich die Familie Grotkamp - wollen mindestens 20 Prozent aller Kosten im Konzern kappen, um die Übernahme zu finanzieren. In großer Gefahr befinden sich bereits die Lokalredaktionen der "WR" im Märkischen Kreis. Dort plant der Essener Großverlag schon im kommenden Jahr, mit den Zeitungen der Ippen-Gruppe zu kooperieren.

Es habe etwas von Versteckspiel, heißt es in Essen, wenn die Frage nach Christian Nienhaus, Manfred Braun und Thomas Ziegler gestellt wird.  Möglichst keine Aufmerksamkeit auf die eigenen Personen lenken, "die drei Geschäftsführer grübeln darüber, wie sie möglichst unspektakulär ihre Probleme lösen können." Niemand will in dem Vorstand, in dem es wie bei Gruner + Jahr in Hamburg keinen Vorsitzenden gibt, die "Jäkel machen" und das Ende eines Blattes verkünden.

In großer Not befindet sich die "Westfälische Rundschau" im Märkischen Kreis. Das Desk-Konzept, noch eingeführt vom früheren Chefredakteur Klaus Schrotthofer, hat "immer zu Reibungsverlusten geführt, das Entscheider-Desk hat für viele Probleme gesorgt", heißt es aus den Redaktionen. Heute sind in den Redaktionen von Altena, über Werdohl, Lüdenscheid, Halver und Plettenberg noch 22 Redakteure beschäftigt, die verkaufte Auflage beträgt 10.570 Exemplare, vor zehn Jahren waren es noch 22.264 Exemplare, für die Leser täglich bereit waren, Geld auf den Tisch zu legen.

Große Angst in den Redaktionen

Die Angst der Redakteure konnte ihnen kürzlich auch der überraschende Besuch der WR-Chefredaktion nicht nehmen. Dabei, so heißt es von mehreren Seiten, habe Chefredakteur Malte Hinz (59) von einer möglichen, komplett aufs Lokale ausgerichteten "WR" gesprochen - in Tabloid-Format. Doch dafür müsste der Verlag viel Geld in die Hand nehmen - und würde dann doch wieder in Print investieren, wo doch endlich ein vernünftiges, sich tragendes und Geld verdienendes Online-Konzept notwendig wäre. „Das ist ein Hirngespinst des Chefredakteurs“, erklärt ein leitender Angestellter der WAZ Mediengruppe daher auch lapidar, der aber ungenannt bleiben möchte.

Viel mehr setzt die WAZ bei der WR auf eine Kooperation mit dem einst ärgsten Mitbewerber. Den Zeitungen von Dirk Ippen, die sich komplett aufs Lokale ausrichten ("Jeder Bürger mindestens einmal im Jahr mit Bild im Blatt"), und die im Märkischen Zeitungsverlag erscheinen ("Lüdenscheider Nachrichten", "Meinerzhagener Zeitung", "Altenaer Kreisblatt", "Allgemeiner Anzeiger", "Süderländer Volksfreund") geht es gut, dies aber auch dank der "Blutspende" der "WR" in den vergangenen Jahren. Einige ehemalige Leser der "Westfälischen Rundschau", die noch weiterhin auf Papier informiert werden wollen, haben einfach die andere lokale Zeitung bestellt.

In Zukunft, so der Plan in Essen, soll der Lokalteil für die WR von Ippen kommen - als Printtitel bliebe die „Westfälische Rundschau“, für die einst Wolfgang Clement geschrieben hat, bestehen. Ein Modell, mit dem die „WR“ übrigens seit über zehn Jahren in Iserlohn und Hemer, ebenfalls im Märkischen Kreis, gut fährt. Dort legt sie den Lokalteil des Schwesterblatts "Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung" bei, die Auflage hält sich auf niedrigem Niveau stabil.

Kartellamt will sich nicht einmischen

Auf das Veto des Kartellamtes können die WR-Redakteure im Fall einer redaktionellen Zusammenarbeit mit Ippen aber nicht hoffen. Sowohl bei der Landeskartellbehörde in Düsseldorf als auch beim Bundeskartellamt in Bonn heißt es auf NEWSROOM-Anfrage, dass Kooperationen von Verlagen nicht angemeldet werden müssen. "Die Juristen der Verlage müssen die Kooperation selbst beurteilen. Kooperationen werden von uns geduldet, wir wissen, wie schwer es Regionalzeitungen im Moment haben", heißt es aus dem Düsseldorfer Amt.

Offiziell heißt es bei der WAZ auf NEWSROOM-Nachfrage lediglich, "wir sind derzeit in einem Planungsprozess, der in diesem Jahr noch nicht abgeschlossen sein wird. Wir bitten daher um Ihr Verständnis, dass wir momentan keine weiteren Auskünfte zu diesem Thema geben möchten." Ippen-Geschäftsführer Hans Sahl erklärt auf NEWSROOM-Anfrage, wann die Kooperation mit der WAZ Mediengruppe beginnt, dagegen nur kurz: "Da weiß ich nichts von, da kann ich Ihnen gar nichts zu sagen".

Bülend Ürük

Bei der WAZ Mediengruppe passiert unheimlich viel. Sie haben Informationen, Tipps, Themen? Ihre Einschätzungen - natürlich auch vertraulich - bitte per Mail direkt an chefredaktion@newsroom.de.

 

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