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Print vom 24.12.2012

Nachrichtenmagazin "Focus": Wahlempfehlung für Merkel an Heiligabend

Noch bevor der Bundestagswahlkampf überhaupt richtig begonnen hat, bläst SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück mächtig Gegenwind ins Gesicht. Ausgerechnet das Münchner Nachrichtenmagazin "Focus" hat sich in seiner Heiligabendausgabe positioniert. Und eine Wahlempfehlung ausgesprochen. Gegen Steinbrück. Für Merkel.

München - Vor zehn Jahren war es die inzwischen eingestellte "Financial Times Deutschland", die einen Tabubruch im deutschen Journalismus wagte und ihren Leserinnen und Lesern eine Wahlempfehlung gab. Was in den USA weit verbreitet ist, bleibt auch heute noch in Deutschland eine absolute Ausnahme.

Der heutige "Focus"-Herausgeber Helmut Markwort hatte eine Wahlempfehlung damals komplett abgelehnt: "Der deutsche Leser träumt von einer unabhängigen Zeitung. Er würde uns eine Wahlempfehlung übel nehmen." Die politische Unabhängigkeit des Burda-Blattes wird sich Jörg Quoos, der zukünftige Chefredakteur, wieder erarbeiten müssen.

Ausgerechnet in der letzten Ausgabe vor dem Chefredakteurs-Wechsel hat Uli Baur, noch amtierender Chefredakteur "Focus" und zukünftig neben Gründer Helmut Markwort ihr Herausgeber, eine Wahlempfehlung ausgesprochen. Für Merkel als Bundeskanzlerin, für Lindner als FDP-Chef und gegen Steinbrück.

Die delikaten Aussagen stehen über der schwungvollen Baur-Überschrift im "Memo des Chefredakteurs", ganz am Ende. Dort schreibt Uli Baur: "Übrigens: Wär's ein "normales" Memo gewesen, hätte ich über die fabelhafte Idee von FDP-Hoffnung Christian Lindner geschrieben. Er will nicht nur die Schuldenbremse im Grundgesetz verankert sehen, sondern auch eine Belastungsbremse für die Bürger", freut sich Chefredakteur Uli Baur über einen Politiker, den er offensichtlich für ziemlich gescheit hält.

Im letzten Satz wird es dann noch einmal hochpolitisch: "Und einen Wunsch hätte ich auch noch geäußert: Möge der für Deutschland beste Kandidat wieder Kanzlerin sein."

Ob Quoos gewusst hat, dass sein Vorgänger die Leser zur Merkel-Wahl animieren wird, ist nicht bekannt, Fakt ist allerdings, dass sich der ehemalige "Bild"-Vize-Chefredakteur, der sich in den vergangenen Wochen und Monaten tunlichst aus der Öffentlichkeit herausgehalten hat, im Wahljahr deutlich positionieren muss. Bereits die kommende Ausgabe wird Jörg Quoos verantworten und die Möglichkeit haben, die Wahlempfehlung zurückzunehmen.

Das Nachrichtenmagazin "Focus" hat eine verkaufte Auflage von 566.414 Exemplaren (IVW, 3/2012), vor zehn Jahren waren es noch 786.573 Exemplare, die Woche für Woche über die Ladentheke gingen.

Bülend Ürük

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