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Warum konservative Journalisten plötzlich gefragt sind

Warum konservative Journalisten plötzlich gefragt sind Attila Albert

Karrierecoach Albert Attila analysiert, warum Medienhäuser verstärkt nach journalistischer Vielfalt suchen, welche Chancen sich daraus ergeben – und weshalb Fachkompetenz dabei wichtiger sein kann als politische Haltung.

Berlin – Viele Trends bemerkt man zuerst anekdotisch im persönlichen Umfeld und fragt sich dabei, ob es sich nur um Einzelfälle oder um eine tiefergehende Veränderung handelt. Mir ging es so, als ich zufällig feststellte, dass eine frühere Redaktionskollegin inzwischen bei der „Jungen Freiheit“ arbeitete, mehrere Branchenfreunde zur „NZZ“ gewechselt waren, die das wenige Jahre zuvor wohl nicht in Betracht gezogen hätten, einige auch bei „Nius“ und noch einmal weiter rechts stehenden Medien angefangen hatten. Mehrere junge Journalistinnen, die inzwischen in den breiteren öffentlichen Blick gerückt sind, positionierten sich erkennbar bewusst so, wie man es aus den USA von Moderatorinnen bei „Fox News“ u. Ä. kennt.

 

Angesichts des politischen Trends nach rechts, wie er sich auch in den Wahlumfragen zeigt, ist das eigentlich nicht überraschend. Aber Journalisten sind nicht typisch für die allgemeine Bevölkerung, auch nicht bei ihren Überzeugungen. Eine Befragung der TU Dortmund unter Journalisten ergab zumindest 2024 noch, dass 41 Prozent den Grünen zugeneigt waren, 16 Prozent der SPD. Alle anderen Parteien lagen unter Journalisten im einstelligen Bereich, die CDU bei acht Prozent, die FDP bei drei Prozent, die AfD bei nur einem Prozent. Nun trifft man zunehmend Journalisten, die sich anders äußern, und dabei überrascht mich vor allem die neue Selbstverständlichkeit: Man erwähnt es, aber es ist keine große Sache mehr.

 

Inzwischen sucht sogar „Die Zeit“ dringend konservative junge Journalisten, wie Co-Chefredakteur Jochen Wegner beim Medien Camp 2026 in Berlin sagte. „Wer Christian Lindner schon mal gut fand, ist für uns eine interessante Person“, meinte er. „Wir haben hundert Leute, die in Kommentaren progressive Positionen vertreten können.“ Knapp seien aber etwa „25-Jährige, die Friedrich Merz verteidigen“. Das Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“ von WDR 5 bat mich dazu um eine Einschätzung, die hier nachgehört werden kann. In dieser Kolumne möchte ich einige Gedanken dazu zusammenfassen – nicht als Wertung persönlicher Ansichten, sondern unter dem professionellen Blickwinkel.

 

Schwierig zu definieren, wer „konservativ“ ist

Eine Schwierigkeit liegt dabei bereits beim Begriff „konservativ“, der sich (ebenso wie „bürgerlich“) auch auf viele Grünen-Stammwähler anwenden ließe, aber genauso von AfD-Anhängern beansprucht wird, denen „rechts“ zu negativ besetzt ist. Ob wiederum Friedrich Merz – um die Erläuterung des „Zeit“-Chefredakteurs aufzugreifen – tatsächlich für konservative Politik steht und damit die Unterstützung seines Kurses ein Gradmesser für Konservatismus bei Journalisten sein könnte, scheint mir ebenso fraglich. Im allgemeinen Verständnis dürften aber Unterstützer von CDU, CSU oder FDP gemeint sein. Ob die AfD insgesamt oder teilweise dazu zählt, ist einer der aktuellen gesellschaftlichen Streitpunkte, aber unbestritten ist, dass es auch unter Journalisten längst AfD-Unterstützer gibt.

 

Als Tendenzbetriebe dürfen Medienhäuser erwarten und einfordern, dass Mitarbeiter, die einen unmittelbaren Einfluss auf die Inhalte haben, die weltanschaulichen bzw. politischen Ausrichtungen ihrer Titel unterstützen. Die „Essentials“ von Axel Springer sind das bekannteste Beispiel für konkrete Punkte auch als Teil der Arbeitsverträge, wobei sie mehrfach verändert und teilweise auch abgeschwächt wurden (z. B. Entfernung der dezidierten NATO-Unterstützung). Dabei gab es schon in der Vergangenheit immer wieder Kollegen, die mit einer erstaunlichen Leichtigkeit z. B. zwischen „Bild“ und „taz“ wechselten, deren Redaktionen zwar räumlich nur wenige Schritte, aber ideologisch Welten trennen.

 

Eigene Haltung verändert sich immer wieder

Es dürfte in Bewerbungsprozessen schwierig sein, die politische Haltung eines Journalisten eindeutig festzulegen, wenn er einem klassischen Berufsverständnis folgt, also zwischen persönlichen Überzeugungen und professioneller Darstellung trennt (Fokus auf Fakten, ausgewogene Präsentation der verschiedenen Positionen, Trennung von Nachrichten und Meinungsbeiträgen). Wer dagegen ein „Fan“ einer bestimmten Partei und ihrer Spitzenpolitiker ist, wäre bei dieser Sichtweise besser in der Politik-PR (z. B. bei einer Kampagnenagentur) oder in der Öffentlichkeitsarbeit seiner bevorzugten Partei bzw. ihr nahestehender Organisationen (NGOs) aufgehoben als im Journalismus.

 

Die Journalisten, die ich teilweise über viele Jahre als Coach begleiten durfte, haben in diesem Zeitraum ihre persönlichen Überzeugungen oft deutlich geändert. Nicht wenige, die 2015 noch leidenschaftlich für generell offene Grenzen eintraten („Niemand ist illegal“), sind heute kritisch gegenüber der Einwanderungspraxis der vergangenen Jahre. Auch die Ansichten zu so unterschiedlichen Themen wie „Identitätspolitik“ (Fokus auf benachteiligte Gruppen), Militär und Rüstungsindustrie, Atomkraft, Kirche, Industrie und konventionelle Landwirtschaft haben sich teilweise deutlich verändert oder komplett gedreht. Hier ist klar erkennbar, dass viele Jüngere mit zunehmendem Lebensalter, Heirat und Gründung einer Familie konservativer geworden sind – teilweise mehr als ihre Eltern.

 

Mit passenden Inhalten zum Experten werden

So ist es zielführender, „konservativ“ an inhaltlichen Einzelaspekten festzumachen, etwa an der Bevorzugung von Markt- statt Staatswirtschaft, von nationalen statt internationalen Interessen, von individueller Freiheit und Verantwortung statt staatlicher Fürsorge, von traditionellen statt alternativen Lebensmodellen. Hier können Redaktionen von anderen Sichtweisen, Kenntnissen und Erfahrungen profitieren, gerade auch für Sachbeiträge.

 

Beispiel: Berichte über die Landwirtschaft (Nahrungsmittelproduktion, Tierhaltung) werden aktuell fast durchweg von Journalisten ohne Agrarausbildung und -erfahrung sowie generell ohne Erfahrung in Unternehmensführung, dafür mit viel Idealismus erstellt, was sie sehr anfällig für realitätsferne Wunschvorstellungen und NGO-Lobbyismus macht.

 

Gleiches gilt für die Sektoren Energie und Verkehr sowie die damit verbundenen Mobilitäts-, Umwelt- und Klimathemen, für die es redaktionell breit an naturwissenschaftlicher, technischer und ökonomischer Fachkompetenz mangelt, sofern es sich nicht um Spezialtitel handelt. Die Politik- und Wirtschaftsberichterstattung lässt weithin erkennen, dass es an jeder Erfahrung aus der Privatwirtschaft außerhalb der Medien mangelt. Konkret: an Redakteuren mit Facharbeiter-, Handwerks- und Ingenieursabschlüssen sowie Erfahrung mit unternehmerischer Wertschöpfung (z. B. eigenes Startup).

Für Journalisten, die sich spezialisieren wollen, bieten all diese Themenfelder die Möglichkeit, sich inhaltlich einzuarbeiten – eventuell verbunden mit einer Weiterbildung und Hospitanzen – und dadurch zu gefragten Experten mit eher konservativen Ansichten zu werden.

 

Meinungsjournalismus legt einen auf eine Rolle fest

Ein anderer Weg wäre, sich im Segment des Meinungsjournalismus zu positionieren, also recht berechenbar „konservative“ Positionen zu vertreten. Hier muss man sagen, dass der klassische Konservatismus und Liberalismus aufgrund seiner Nuanciertheit wenig Chancen auf Breitenwirkung haben. Die Logik der digitalisierten Medien inklusive Social Media und Bewegtbild bevorzugt prononcierte, kontroverse bis schrille Positionen, was in diesem Kontext am Ende meist Rechtspopulismus heißt – auch wenn man ihn persönlich als „konservativ“ etikettieren will.

 

Zu bedenken ist bei diesem Weg auch, dass man sich damit für eine öffentliche Rolle entscheidet, der man später nur schwer entkommen kann. Auch hier findet sich neben echter Überzeugung natürlich, wie immer, viel Opportunismus.

 

Soweit ich es überblicken kann, lässt sich der Vorwurf der politisch einseitig gefärbten Berichterstattung für den Journalismus generell nicht halten, selbst nicht für die meisten Titel, soweit sie nicht klar als Meinungsjournalismus konzipiert sind. Viele redaktionelle Formate verlangen nicht nach Meinung, sondern nach Fachkompetenz, sauberem Handwerk und Qualitätsstandards. Gleichzeitig spielen weltanschauliche und politische Grundüberzeugungen auch hier hinein, was den entsprechend aufgestellten Medienprofis neue Chancen eröffnet.

 

Die gravierende Diskrepanz zwischen Redaktions- und Bevölkerungsansichten ist zu Recht als publizistisches Problem erkannt worden, das sich auf eine unzureichende Vielfalt in den Teams zurückführen lässt. Hier braucht es aber keine politischen Gesinnungstests, sondern ein breiter aufgestelltes Recruiting.

 

Zur vergangenen Kolumne: So gelingt das Extra-Einkommen

 

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA.

www.media-dynamics.org 

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